Das Jura Wohnhaus

Die Menschen auf den steinigen Höhen des Juraplateaus kannten zu keiner Zeit irgendeinen Überfluß. Mit großer Mühe bearbeiteten sie seit frühester Zeit die kargen Böden und lebten von ihren Erträgen. Auch in der Bauweise ihrer Häuser und Scheunen paßten sie sich den gegebenen örtlichen Verhältnissen vollkommen an und benutzten zum Bau ihrer Häuser das was ihnen in ihrer nächsten Umgebung zur Verfügung stand. In den Steinbrüchen, die von jedem Ort leicht zu erreichen waren, wurden die Kalksteine für die 50 bis über 100 cm starken massiven Hausmauern gebrochen. Der Mörtelsand kam aus den rundum vorhandenen Sandgruben und den Kalk lieferten die umliegenden Kalkbrennereien. Auch der Wandverputz und die Wandfarbe enthielten wiederum Löschkalk vom Kalkgestein. Das Rohmaterial für Deckenbalken und Dachkonstruktionen kam aus den nahegelegenen Wäldern. Gedeckt wurde das Dach zunächst mit Stroh, daher in alter Zeit der dringende Bedarf an „Geströh“. Doch gegen Ende des 17. Jahrhunderts setzte sich das steingedeckte Dach immer mehr durch. So entstand das im vorigen Jahrhundert für die südliche Frankenalb so charakteristische Jurahaus mit dem Legschieferdach, das sich der umgebenden Landschaft in völliger Harmonie einfügte. Der meistgebaute Haustyp war das sogenannte Wohnstallhaus mit einem Mitteltrakt, der beide Hausteile voneinander trennte. Es war meist erdgeschossig, Dach- oder Kniestock (Trempel) darüber. Die Stube (Wohnzimmer), die sich fast stets auf der Sonnenseite befand, wurde von der Küche aus, in der sich eine offene Feuerstelle befand, die zu dem in der Stuben stehenden Gußeisenplattenofen führte, geheizt. In dem Rauchfang über der Feuerstelle in der Küche hingen die zum Räuchern vorgesehenen Fleischteile oder Würste. Im Giebel unter dem offenen Dach lag zur Straße hin noch eine Kammer, dahinter der Troid (Getreideboden).
Zu diesem erdgeschossigen Grundtyp, dem reinen Steinhaus, kam in späterer Zeit eine Mischform dazu, das Fachwerkhaus, und zwar in der Art, daß das Erdgeschoß aus Bruchsteinen, das Obergeschoß als Fachwerkbau ausgeführt wurde oder auch das Wohnhaus Stein und die Scheune Fachwerk. Das Fachwerkhaus war eine sehr preiswerte Bauweise, denn es bestand allein aus einem Holzgerüst, dessen Zwischenräume von der Hausgemeinschaft mit Stangen, Holzstücken und Lehm aufgefüllt wurden. Die Dachbedeckung bestand, wie bereits erwähnt, aus Legschieferplatten (weißen Schiefersteinen), die bereits bei einem Neubau 1712 als üblich angesehen und 1719 bei einem weiteren Neubau als Vorbedingung für die Genehmigung des Bauplanes vorgeschrieben wurde. Auch die Zuteilung von Bauhilfen, die in preußischer Zeit (1796) gewährt wurden, war von der Dachdeckung mit Legschiefer abhängig. Wie lange das Legschieferdach zu dieser Zeit bereits bestanden hatte, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, doch ist bekannt, daß der Legschiefer bereits zu Römerzeit als Dachdeckstoff verwendet worden ist. Warum diese Art der Dachdeckung grade im Juragebiet - in der gleichen Form auch im französischen Jura üblich - weitgehende Verbreitung erfuhr, liegt klar auf der Hand. Auf den rauhen Jurahöhen mit den oft sehr schneereichen und kalten Wintern war eine dauerhafte und gut isolierende Bedachung erste Vorbedingung für ein gemütliches Wohnen und dieses
wurde von dem Legschiefer in hervorragender Weise erfüllt. Noch einige kurze Worte zum Hausbau in Nennslingen im vergangenen Jahrhundert.
Die Kalksteine für den jeweiligen Neubau kamen aus dem ortseigenen Steinbruch, doch wurden auch Feldsteine aus den Äckern dazu verwendet. Der erforderliche Bausand wurde ebenfalls aus der gemeindeeigenen Sandgrube gegen ein geringes Entgelt entnommen. Die Tür- und Fenstereinfassungen wurden von den Steinhauern verfertigt, die im Sommer auch als Maurer tätig waren, in den Wintermonaten sich jedoch mit der Herstellung von steinernen Vieh- und Wassertrögen befaßten. Für das Ausbrechen derartiger großer Steine aus dem Gemeindesteinbruch hatten z.B. die Maurergesellen Johann, Michael und Christoph Ammersdörfer für die Jahre 1860/61 nur den geringen Betrag von 5 Gulden an die Gemeindekasse zu zahlen. Der Kalk kam ab dem Jahr 1861 von der in Nennslingen gegründeten Kalkbrennerei, während der nötige Lehm in einer „Lehmgrube“ an der Straße nach Wengen, etwa an der Grenze von Nennslingen, zu finden war. D.h. also, sämtliches Material für den Neubau gab es in allernächster Nähe. Im übrigen hatte der Bauherr 5 bis 6 Freijahre, in denen keinerlei Abgaben zu entrichten waren.
Noch bis etwa 1910 bestand aufgrund der Dachdeckung mit Legschieferplatten und der einheitlichen Bauweise eine weitgehende Harmonie zwischen den einzelnen Juradörfern und der sie umgebenden Landschaft. Doch schon 1912, so heißt es in einem Schreiben des damaligen Weißenburger Bezirksbaumeisters Etschel, kommt es in Mode, die Dächer neuer Häuser mit Ziegelplatten, sogenannte Eichstätter Zwicktaschen, statt wie bisher mit Legschiefer zu belegen. Baumeister Etschel verwendete damals lt. noch vorhandener Rundschreiben an die ansässigen Bau- und Zimmermeister viel Mühe darauf, das Legschieferdach zu erhalten, das - so schreibt er - den „Juraortschaften ihr besonderes schönes Gepräge verleiht“ und war während seiner ganzen Amtszeit sogar noch 1914 in rührender Weise um die Erhaltung der alten heimischen Bauweise bemüht gewesen. Doch die nun beginnenden Krieg- und Nachriegsjahre mit Inflation, Geld- und Materialmangel, führten dazu, daß das industriell hergestellte billigere Ziegeldach immer mehr Anhänger fand und das ortsübliche Steindach verdrängte, damit aber auch die bisherige Einheitlichkeit des Ortsbildes vollkommen zum Verschwinden brachte. Besonders die späteren Neubauten nach dem 2. Weltkrieg haben viele alte Bausubstanz vernichtet.
In letzter Zeit hat man jedoch die eigene Schönheit und Behaglichkeit der alten Häuser, auch die unschätzbaren Vorteile einer Legschieferbedachung, erkannt und versucht von staatswegen über das Amt für Denkmalpflege die wenigen noch vorhandenen alten Jurahäuser zu retten. Daß dies möglich ist und die alten Häuser nach ihrer Sanierung in hervorragender Weise ästhetisch schöne heimelige Wohnbereiche darstellen, beweisen bei uns die zwei 1989 und 1990 erst sanierten herrlichen Häuser am Marktplatz, das alte Rathaus, jetzt Pfarrhaus und das Anwesen von Herrn Weichselbaum (Blusattler), die sogar von staatswegen als vorbildlich eingestuft wurden. Bleibt nur zu hoffen, daß unserem Markt Nennslingen noch weitere derartige Restaurierungen genehmigt werden möchten, um das alte Jurahaus auch der Nachwelt vor Augen führen zu können.

Chronik Markt Nennslingen Dr. Deutscher

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